Jim Avignon live in Kaisersaschern - Pop-Art-Performance zum 200. Geburtstag Franziska Nietzsches

Live-Aktion, die am 5. September ab 15 Uhr verfolgt werden kann.

mit Konzert der Post-Punk-Band "The World Domination"

danach geöffnet bis 11. Oktober jeweils Samstag, Sonntag und Feiertags von 11 bis 17 Uhr

Der Künstler: ein kreativer Geist

Jim Avignon ist für die Fülle des Materials der richtige Kreative. Er zählt zu den ungewöhnlichsten Akteuren der Kunstszene. In seinen Motiven und Themen spiegelt sich ein offenes und vorbehaltloses Interesse am Alltagsleben – das sich nun in der geplanten Ausstellung als Brücke zwischen der Lebensleistung von Franziska Nietzsche und der gegenwärtigen Debatte um Mutterschaft, Liebe, Pflege von Angehörigen und der gesellschaftlichen Rolle der Frau entspinnt. Mit seiner eigenwilligen Bildsprache thematisiert Avignon bereits seit den 1990er Jahren als Shooting-Star das Lebensgefühl einer Gesellschaft, die die Welt kennt und oft genug an den naheliegenden mensch-lichen Fragen scheitert. Der etablierte Kunstbetrieb und eine lineare Karriere interessieren den Künstler herzlich wenig. Er bezeichnet sich selbst als einen Abenteurer, der in erster Linie seiner Neugier folgt. Kunst ist für ihn Kommunikation und Austausch. Symptomatisch sind die interaktiven Elemente seiner Kunst, etwa die seiner weltweiten Street-Art-Aktivitäten – ganz nah an denen, die seine Kunst erleben, wie es auch in Pobles sein soll.

Seine Themen realisiert Jim Avignon mit Mitteln der Groteske, der Satire und der Karikatur zwischen schwarzem Humor, Poesie und politischem Ernst. Dabei mischt der Künstler unbekümmert Stilistiken der Werbung, der Plakatkunst, des Comics, des Graffiti und der klassischen Malerei zu einer „energetischen und farbenfrohen (Aktions-)Kunst, die den Nerv unserer Zeit trifft“ (Art Profil, 2014, Nr. 102). Jim Avignon ist Chronist. In seinen Themen spiegeln sich die Lust und die Zwänge des Lebens ebenso wie die politischen Nuancen globaler oder deutsch-europäischer Verhältnisse und Konflikten, die die Welt erschütterten. Seine Kunst ist am Puls der Zeit und schöpft dennoch aus einem tiefen ikonischen Reservoir, vor allem der Bildsprachen des 20. Jahrhunderts.

International bekannt wurde er durch die Bemalung von "Swatch"-Uhren, Flugzeugen, Autos und einem 2800 Quadratmeter großen Bild zur Neueröffnung des Berliner Olympiastadions. Des Weiteren macht er immer wieder mit ungewöhnlichen Kunstprojekten von sich reden, unter anderem auf der dokumenta X. Live-Paintings veranstaltete er im ICA London, dem Museum of modern art Barcelona oder im ZDF Aspekte Studio. Streetart findet man von ihm in New York, Rome, Sao Paulo, Athen, Berlin, Tel Aviv, Guatemala, Lima, Beirut und Bangkok. Mit Ausstellungen war er in Europa und den USA vertreten.

Neben seiner erfolgreichen Karriere als Maler hat er auch mehrere Alben veröffentlicht und tritt mit seiner „1 Mann Heimelektronikband“ in internationalen Clubs – oder eben in Pobles – auf.

Unter Verwendung von Texten Jim Avignons und André Lindhorsts.

Das Thema: eine starke Frau

Kein Friedrich Nietzsche ohne Pobles. Am 2. Februar 1826 erblickt hier die Mutter des großen Philosophen Franziska Ernestine Rosaura Oehler das Licht der Welt und wird umgehend von ihrem Vater David Ernst Oehler in der Kirche St. Gangolf getauft. Naturnah und erdverbunden wächst sie auf, liebt die Musik und ist von der Atmosphäre in dem evangelischen Pfarrhaus in Pobles tief geprägt. Mit ihrer Heirat bleibt sie der Landschaft treu. Sie ehelicht den Pfarrer Carl Ludwig Nietzsche im wenige Kilometer entfernten Röcken. Als dieser 1849 stirbt, rückt Pobles wieder in den Fokus. Ihr Sohn Friedrich verlebt dort Zeiten seiner Kindheit unbeschwert, wie Franziska sie selbst einst genoß.

Über vierzig Jahre später schließt sich der Kreis. Der Philosoph fällt in Umnachtung, Franziska holt ihn nach Naumburg und wird intuitiv zu einer Wegbereiterin moderner Pflege. Das Erstaunlichste an ihr ist der nüchterne Sachverstand, von dem sie sich dabei vorurteilsfrei leiten lässt. Von ihrem Vater, der zugleich Landwirt auf der eigenen Scholle war und den Bewohnern seines Dorfes mit Naturheilmitteln praktisch helfend zur Seite stand, hat sie diese Grundhaltung nebst handfesten Rezepten übernommen. Daher die Spaziergänge und Wasserkuren, oder eine Weintrauben-Diät, als der Kranke mangels Bewegung zu „massig“ wird. Weintrauben, verkündet heute die Ernährungswissenschaft, beschleunigen die Fettverbrennung. Franziska weiß das längst. Dazu aber kommt noch etwas. Mit feinem Sinn für scheinbar Nebensächliches ist sie bereit, sich vom Patienten selbst belehren zu lassen, von seinen Bedürfnissen, wie dem nach ihrer Hand auf seiner Stirn. Eine winzige Wohltat, die ihm Frieden verleiht: „All die kleinen Dinge muss man nach und nach ihm ablernen …“

Eine Frau wird in den Mittelpunkt einer Kunstaktion gestellt. Ihre noch nicht angemessen gewürdigte Lebensleistung wird über die Mutterschaft hinaus anerkannt. Am authentischen Ort inspiriert sie über eine künstlerische Verfremdung in einem Live-Act gesellschaftliche Positionierung in der Gegenwart.

Neue Perspektiven auf den Landstrich und seine Menschen öffnen sich, weil die Kunst an diesem assoziationsreichen Ort aus dem Vollen schöpfen kann. Der Kunstort ist eingeführt und die Arbeit des Kunstvereins wird lokal bis überregional für die Genauigkeit in Beobachtung, Konzeption und Umsetzung geschätzt. Mit der Ausstellung folgt er seinem Auftrag: Bedeutungen frisch anzuordnen und über anspruchsvolle Kunst regionale Identität zu beschreiben. Durch die Einbeziehung des Publikums rückt die Welt der Franziska Nietzsche ganz nah.


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