Frühjahr 2026 - Kaisersaschern #9 - Wetterlage 4.0 - Keramik, Fayencen, Installation
vom 6. Juni bis 5. Juli 2026 in Pobles, Kleefeldstraße 8, im „Kunstraum Kaisersaschern“
Ausstellungseröffnung mit Konzert am Sonnabend, 6. Juni, 15 Uhr
anschließend geöffnet jeweils Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr
So lange es Menschen gibt, greifen sie in feuchte Erde und geben ihr Gestalt. Seit mindestens 30.000 Jahren formen sie Ton und brennen ihn hart. Die Bearbeitung von Ton durch den Mensch macht den Werkstoff lebendig. Am Anfang der Bibel wird diese mythische Verbindung gar noch weiter gedacht: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Seit etwa 10.000 Jahren stellen Menschen Gefäße aus Ton her. Kéramos heißt auf Altgriechisch gleichermaßen Töpfererde, Ziegel wie Topf. Eine spezielle keramische Technik bezeichnet hingegen die Fayence. Weiße bemalte Zinnglasur ist seit den Babyloniern bekannt. Das Wort aber geht auf die italienische Stadt Faenza zurück, die in der Renaissance zu einem Zentrum dieser Technik in Italien aufstieg und vor allem nach Frankreich exportierte.
Erzeugnisse aus Ton können Jahrtausende überdauern. Doch zugleich sind sie erschütternd zerbrechlich. Die Ruine der Kirche St. Gangolf macht diesen Widerspruch sinnlich erfahrbar. Gebaut in der Absicht, einem Raum zu schaffen, in dem über das gesprochen wird, was die Ewigkeit berührt, liegt sie nun von Wind und Wetter besiegt auf dem Hügel am Grunautal. „Jedes Verschwinden und Untergehen sehen wir mit Unzufriedenheit, oft mit der Verwunderung, als ob wir darin etwas im Grunde Unmögliches erlebten.“ Friedrich Nietzsche, der als kleiner Junge seinem Großvater bei seinen Predigten in dieser Kirche zugehört hat, beschreibt das ungläubige Staunen, dass Menschen ergreift, wenn sie sich der – eigenen – Zeitlichkeit bewusst werden.
Die vier Künstlerinnen und Künstler, die sich auf Einladung von Hendrik Tauché für diese Ausstellung zusammengefunden haben, eint die Faszination für den keramischen Werkstoff. In recht unterschiedlichen Zeiten und Fachbereichen haben sie alle an oder im Umfeld der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale studiert. Auch wenn sie je eigene originelle künstlerische Handschriften besitzen und auf sehr verschiedene Weise an die Verarbeitung ihrer Themen gehen. Ihre Kunst hat erzählenden Charakter. Sie alle beschäftigen sich mit der Frage, was es mit dem Menschen wohl auf sich hat. Seiner Herkunft. Seiner Erhabenheit. Und seiner Lächerlichkeit. Ton ist angesichts seiner Materialität und seiner Bedeutung in der Kulturgeschichte dafür wie geschaffen.
Julia Himmelmann
Keramische Objekte, Installationen
lebt und arbeitet in Halle (Saale) // 1984 geboren in Leverkusen // 2007-2010 Ausbildung zur Keramikerin an der Keramikfachschule Landshut // 2009 Studienreise und Praktikum auf Vancouver Island, British Columbia, Kanada // 2012-2019 Studium der Bildenden Kunst im Fachbereich Keramik an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule, Halle (Saale) // 2019 Diplom für Bildende Kunst an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule, Halle (Saale)
Die keramischen Objekte und Installationen von Julia Himmelmann eröffnen einen humorvollen Reflexionsraum über das Begehren. Reduzierte Formen zeigen lakonische Bilder unterschiedlicher physischer und psychischer Zustände und werfen Fragen auf: Was wollen wir sehen – und warum? Die mit Keramik verknüpften Zuschreibungen von Sinnlichkeit und „Mütterlichkeit“ werden dargeboten und ins Absurde verschoben. Es entsteht ein zugleich heiterer und ernster Moment, ein subtiles Spiel zwischen Präsenz und Assoziation. Ihre Objekte und Installationen wollen etwas. Sie zeigen den Moment des Begehrens, in seinem Abschweifen, Anschmiegen, Anfassen, Anschwellen und Ausharren.
www.julia-himmelmann.de // www.instagram.com/_juliahimmelmann/
Judith Runge
Keramische Objekte, Installationen, Kunst am Bau
lebt und arbeitet in Halle (Saale)
1969 geboren in Halle (Saale) // 1985-1989 Porzellanmalerlehre (Staatliche Porzellanmanufaktur Meißen) // 1991-1997 Studium an der - Burg Giebichenstein Halle, Hochschule für Kunst und Design, Fachbereich Plastik/Keramik, Diplom // 1996 Studium in Island (Kunsthochschule Reykjavik) // 1997-1999 Graduiertenstipendium // seit 2000 eigenes Atelier in Halle, Mitglied im BBK // seit 2013 Arbeit in der Künstlergruppe UKO3 (Installationen) // seit 2021 Dozententätigkeit an verschiedenen Schulen
Über die Verwendung des Materials Ton geht Judith Maria Runge hinaus. Sie verwendet bisweilen verformten Kunststoff oder Holz, kombiniert sie auch mit den gebrannten Objekten. Die Ambivalenz zwischen einer anziehenden Ästhetik und einem Schaudern über das Eigenartige fasziniert sie. Dafür verfremdet sie Gegenstände ebenso wie Lebewesen in Form und Farbe. Durch die Verschiebung von Texturen und Farben entlarvt sie visuell und haptisch Sicherheit als Illusion. Sie schafft eine hypothetische Welt, die ihren Grusel und ihren Humor aus unerwarteten Mutationen zieht. Das ist ihr Plädoyer für phantasievollen Widerstand gegen die Wirklichkeit.
www.judith-runge.de // https://www.instagram.com/judith.m.runge/
Christoph Schulz
Keramik
lebt und arbeitet in Pretitz bei Querfurt // 1952 geboren in Chemnitz // 1972-1979 Studium an der Burg Giebichenstein (damals Hochschule für Industrielle Formgestaltung) Halle (Saale) im Fachbereich Keramik mit Abschluss Diplom // 1974 Praktikum in Bürgel // 1979-1981 Arbeit in Werkgemeinschaften in Chemnitz und Leipzig // seit 1981 eigene Werkstatt in Pretitz bei Querfurt
Die Werkstücke von Christoph Schulz sind Kostbarkeiten. Kein Stück gleicht dem anderen. Sie können dem aufmerksamen Betrachter feinsinnige Geschichten erzählen. Ein Spezifikum ist seine durch Zufall entstandene und dann perfektionierte besondere Abwaschtechnik, bei der Tonobjekte, die mit einem Stempel zusätzlich geformt wurden, erst in eine helle Porzellanmasse, dann in eine schwarz eingefärbte Tonmasse getaucht und mit Wasser abgespült werden. Die Farbe bleibt dabei in den Vertiefungen stehen. So entstehen archaisch anmutende Prägungen, die mit flächigen Farben kombiniert sind.
Hendrik Tauché
Keramik, Fayencen, Malerei
lebt und arbeitet in Halle (Saale) und Kreischau bei Lützen // 1962 geboren in Halle (Saale) // 1982-1988 verschiedene Tätigkeiten und ständige Beschäftigung mit Malerei, Grafik und Keramik, Arbeit mit diversen künstlerischen Lehrern // 1989 Verband Bildender Künstler der DDR // 1992 Mitarbeit in der Galerie „Alter Markt“ Halle (Saale) // seit 2000 freiberuflich tätig, Aufbau einer eigenen Werkstatt in Kreischau // seit 2008 Atelier in Halle (Saale)
Der Ausgangspunkt für die künstlerische Arbeit von Hendrik Tauché sind Zeichnung und Malerei. Er bewegt sich in der Tradition der Fayence und behandelt die Keramik als Malgrund wie Papier oder Leinwand. Auf ihr breitet er sein Geschichten aus. Mit leichtem Strich verdichtet er sie in entzückenden Miniaturen, gern aber auch in weiten mediterran anmutenden Landschaften. In seinen allegorischen, bisweilen erotischen Sujets küssen sich Ironie und Melancholie. Auf Fliesen und aus Tonplatten kreiert er Tische, Bad- und Wandverkleidungen oder Pflanzgefäße. So schafft er Dinge, die man nutzen kann und trägt die Kunst als Inspiration in den Alltag.
www.hendriktauche.de
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